nachhaltigkeitsnotizen
03.06.2016

Transparenz - Tyrannei oder Transformationstreiber?

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Sabine Braun

Sabine Braung_Geschäftsführerin akzente

Transparenzanforderungen an Unternehmen wachsen gefühlt von Jahr zu Jahr. Jüngst setzte die Europäische Union mit der CSR-Berichtspflicht noch eins drauf. Sie wird aktuell in nationales Recht umgesetzt und gilt ab 2017. So mancher fragt sich, was das bringt, und wer die vielen Informationen lesen soll?

Bezeichnete der Philosoph Byung-Chul Han die Transparenzgesellschaft als „Hölle des Gleichen“, so macht die Politik sich diese Entwicklung mit kühlem Kalkül zunutze. Denn in einer globalisierten Wirtschaft, die einem raschen technologischen Wandel unterworfen ist, lässt sich über Gesetze immer weniger regeln. Transparenzpflichten zeigen einen „regulatorischen Ausweg“. Sie setzen auf die Wettbewerbsmechanismen des Markts und beziehen Investoren, Kunden, Nachwuchs und Gesellschaft in die Überwachung der Unternehmen ein. Dieses Konzept lag schon der europäischen Verordnung zu Umweltmanagementsystemen (EMAS) 1995 zugrunde: Unternehmen, die ein solches einführen und damit im Wettbewerb um Aufträge, Nachwuchs und Reputation punkten wollen, müssen ihre ökologischen Auswirkungen in einer Umwelterklärung darlegen.

Transparenz ermöglicht Unternehmensvergleiche
Bei den international tätigen börsennotierten Konzernen wirkt das „Vergleichsprinzip“ recht zuverlässig. Nachhaltigkeitsorientierte Analysten und Investoren, darunter kapitalstarke Pensionsfonds, fordern von diesen seit Jahren Auskunft über soziale und ökologische Auswirkungen, um Reputationsrisiken aufzuspüren. Stolz melden Unternehmen, dass sie in den Dow Jones Sustainability Indizes vorne gelistet sind, von oekom research oder Sustainalytics gut bewertet wurden oder beim einst als Carbon Disclosure Project von Investmentgesellschaften gegründeten CDP Spitzenplätze in den Indizes einnehmen. Nach dem gleichen Prinzip verbesserte das Ranking der Nachhaltigkeitsberichte der 150 größten deutschen Unternehmen durch das Institut für ökologische Wirtschaftsforschung und future e.V. die Transparenzqualität der Berichte stetig. Dass jeder im öffentlichen Vergleich am besten abschneiden möchte, erzeugt mehr Dynamik als manches Gesetz.
Zugleich stehen gerade die großen international tätigen Unternehmen im Visier der weltweit immer besser vernetzten NGOs, die nach dem Prinzip „blame & shame“ auf diese einwirken und so die Reputationsrisiken schaffen, die Investoren zu meiden suchen. Unvergessen sind die Proteste gegen Kinderarbeit bei Nike in den 1990er Jahren, die den Sportartikelhersteller zum Umdenken bewegten. In Deutschland war es wenig später die Kaufhauskette Karstadt, die mit einer NGO-Kampagne überzogen wurde und daraufhin ins Nachhaltigkeitsmanagement und -reporting einstieg.

Neue Impulse kommen aus der Kundenbeziehung
Kleine und mittelständische Unternehmen profitierten dagegen nur vereinzelt von der Darstellung ihres verantwortlichen Handelns und werden auch nur selten abgestraft. So beeinflusste die Vorlage einer Umwelterklärung oder eines Nachhaltigkeitsberichts die Vergabeentscheidung öffentlicher oder privater Auftraggeber bisher eher selten. Auch beschäftigten sich Kunden oder Nachwuchs zu wenig damit, als dass ein Mangel an veröffentlichten Informationen bereits zum eklatanten Nachteil beim Recruiting oder in der Kundenbeziehung geraten wäre.

Das ändert sich aber gerade. BMW beispielsweise fordert von seinen Systemlieferanten für die Elektromobil-Baureihen einen Nachhaltigkeitsbericht. Möbel- und Teppichbodenhersteller, die LEED- oder DGNB-zertifizierte Bürogebäude ausstatten wollen, tun gut daran, die Berücksichtigung von Nachhaltigkeitsaspekten nachzuweisen. Der Dodd-Frank Act, der von börsengelisteten US-Firmen seit 2015 einen Verzichtsnachweis für Konfliktmineralien verlangt, trifft auch deutsche Mittelständler wie den Armaturenhersteller Hansgrohe, der diese Anforderung wiederum in seiner Lieferkette weitergibt. Zugleich bietet das öffentliche Vergaberecht ab April 2016 endlich die Möglichkeit, nach anderen als rein wirtschaftlichen Kriterien zu entscheiden – und beschert jenen einen Vorteil, die verantwortliches Wirtschaften belegen können. All diese Beispiele zeigen, dass ein Weg beschritten ist, der Transparenz über Nachhaltigkeit auch im Mittelstand zum Wettbewerbsvorteil macht.

CSR-Berichtspflicht wirkt nicht für alle
Die kommende CSR-Berichtsplicht hat hierfür nur mittelbar Bedeutung, da sie lediglich kapitalmarktorientierte Unternehmen ab 500 Mitarbeiter einschließt. NGOs hatten eine Grenze ab 250 Mitarbeitern gefordert und für die Erweiterung auf die großen Mittelständler wie Aldi oder Würth plädiert, die viele Tausend Mitarbeiter beschäftigen. Es ist zwar eine Krux der Berichtspflicht, dass sie in Deutschland mit seinem starken Mittelstand nur einen kleinen Teil der Unternehmen trifft. Doch inzwischen haben sich hier viele freiwillig aufgemacht. Dazu beigetragen hat der Deutsche Nachhaltigkeitskodex (DNK), mit dem der Rat für Nachhaltige Entwicklung seit 2011 für eine freiwillige Berichterstattung gemäß seiner 20 Prinzipien wirbt. Gegenüber den umfangreichen Leitlinien zur Nachhaltigkeitsberichterstattung der Global Reporting Initiative bietet der DNK mit seinem Raster ein verständliches und kompaktes Rahmenwerk.

Manche mögen die zunehmenden Transparenzanforderungen zwar als „Tyrannei des Vergleichs“ bezeichnen. Besser wäre, sie als Transformationsimpuls zu verstehen. Denn wie schon der Finanzmarkt mit seinen Nachhaltigkeitsratings oder dem Carbon Disclosure Project reagiert die Politik damit nur auf einen Wertewandel in der Gesellschaft und harmonisiert zugleich die europaweit unterschiedlichen Pflichten. So mussten beispielsweise die 200 größten Unternehmen Frankreichs schon seit 2003 Nachhaltigkeitsinformationen veröffentlichen. Die CSR-Berichtspflicht setzt nun ein deutliches Signal an alle Unternehmen Europas, sich mit den Herausforderungen der Zukunft zu beschäftigen und Konzepte dafür zu entwickeln.

Transparenz als Treiber für Zukunftsfähigkeit
Allzu viele Leser werden die Berichte wohl weiterhin nicht finden – was übrigens auch für Geschäftsberichte gilt, ohne dass jemand sie deshalb in Frage stellen würde. Abfinden muss man sich damit nicht, sondern über neue zielgruppenorientierte Formate nachdenken. Die größte Wirkung entfaltet das Reporting aber unzweifelhaft in den Unternehmen selbst. Nur wer regelmäßig Daten erfasst und berichtet, wird den Blick auf die ökologischen und sozialen Hot Spots verstetigen und in der Lage sein, substanzielle Veränderungen anzustoßen. So kann eine kontinuierliche Nachhaltigkeitsberichterstattung Unternehmen in den Wandel führen und, wenn sie interessant gemacht ist, auch extern Strahlkraft entwickeln – für den Nachwuchs, für die Kunden, für das gesellschaftliche Umfeld.

 

Ein Kommentar von akzente-Geschäftsführerin Sabine Braun, abgedruckt in der aktuellen Ausgabe des Magazins UmweltDialog

 

Weitere Informationen zu CSR-Berichtspflicht finden Sie auch unter www.csr-berichtspflicht.de