nachhaltigkeitsnotizen
07.12.2017

Grundeinkommen: sozial gerecht oder gutgemeinte Illusion?

trends

Lisa Reichensperger

Leuchtschrift The same for everyone

Die Diskussionen über mögliche, staatlich finanzierte Grundeinkommen rissen auch 2017 nicht ab. Mit der Entscheidung des Züricher Stadtparlaments Mitte November bekommt das Thema ein Pilotprojekt, das tatsächlich Antworten liefern könnte. Wirkliche Studien gibt es bis dato nämlich kaum. Jede Betrachtung endet in der Argumentation lückenhafter empirischer Forschung und der Schlussfolgerung, dass eine Umsetzung nicht durchführbar sei. Wissenschaftlich erhobenen Informationen zu den Auswirkungen von Grundeinkommen auf dessen Empfänger widmet sich Benedikt Wießinger in seiner Masterarbeit an der Universität St. Gallen. Darin ¬werden bereits durchgeführte Grundeinkommensprojekte auf die Auswirkungen in den Bereichen Bildung und Arbeit untersucht. Die Ergebnisse können nicht nur zur Diskussion beitragen, sondern diese auf eine neue, wissenschaftliche Ebene heben.

Projekte zum Grundeinkommen gab es in den letzten 30 Jahren viele - zumindest mehr, als man vermutet. Diese fanden jedoch oft spendenbasiert in Entwicklungsländern statt und wurden kaum wissenschaftlich begleitet. Dies ist der Debatte nicht unbedingt förderlich. Die wenigen bestehenden Studien wurden nun erstmals in Zusammenhang gesetzt. Das Ergebnis dieser Analyse ist die erste weitreichende Übersicht positiver wie negativer Veränderungen in der Bildungs- und Arbeitssituation, die konkret durch ein Grundeinkommen verursacht wurden. Um das Ergebnis gleich vorweg zu nehmen: in bildungssituativer Hinsicht hat ein Grundeinkommen maßgeblich positive Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche, während sich die Auswirkungen auf die Arbeitssituation im regionalen und kulturellen Kontexts sehr unterscheiden.

Das Netzwerk Grundeinkommen (2016) definiert Bedingungsloses Grundeinkommen als finanzielle Leistung einer politischen Gemeinschaft für jeden Einzelnen, die «die Existenz sichern und gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen, einen individuellen Rechtsanspruch darstellen sowie ohne Bedürftigkeitsprüfung und ohne Zwang zu Arbeit oder anderen Gegenleistungen» verfügbar sein soll.

Aus insgesamt 19 Grundeinkommensprojekten wurden vier geeignete Projekte analysiert: BIG Pilot in Namibia, Madhya Pradesh in Indien, Income Maintenance Experiments in den USA und Mincome in Kanada. Damit wurden gleichermaßen Projekte in Entwicklungsländern wie Industrieländern untersucht.

Die Ergebnisse zu den Auswirkungen auf die Bildungssituation der Empfänger(familien) sind durchweg positiv. So steigen zum einen Anmeldungen an Schulen um ein Vielfaches, zum anderen lässt sich auch ein Anstieg des tatsächlichen Schulbesuchs verzeichnen. Dies lässt sich – vor allem in Entwicklungsländern – mit der Möglichkeit Schulgeld zu zahlen, relativ einfach erklären. Die gestiegene Anwesenheitsquote der Schüler ergibt sich dadurch, dass Eltern zum einen auf eine inkrementelle Arbeitsleistung der Kinder durch den Empfang eines Grundeinkommens leichter verzichten können, zum anderen aber einen gesteigerten Wert darauf legen, dass nach Zahlung des Schulgelds, die bezahlte Leistung von ihren Kindern auch wirklich in Anspruch genommen wird. Überraschender ist die zusätzlich gesteigerte Leistungsfähigkeit an den Schulen. Diese entsteht durch die Kombination aus physischer und psychischer Entlastungen der Kinder und Jugendlichen: Durch ausreichende Versorgung bei Frühstück und/oder Mittagessen sind Schüler selbstverständlich zu besserer Leistung fähig. Dazu kommt eine höhere Konzentrationsfähigkeit, die dadurch ermöglicht wird, dass der Druck fehlt, die Familie bei der überlebenswichtigen Arbeit nicht im Stich zu lassen.

Auswirkungen auf die Arbeitssituation von Grundeinkommensempfängern sind nicht so klar zu ziehen. Hierbei muss ein stärkerer Unterschied zwischen Entwicklungs- und Industrienationen gezogen werden. Während es bei den westlichen Projekten durchaus zu vereinzelten Kündigungen nach Bezug eines Grundeinkommens kam, stieg die Zahl der Arbeitsstellen und damit auch die der Arbeitnehmer in Entwicklungsländern an. Zusätzlich ist dort ein Anstieg der Arbeitsstunden der Einzelnen zu beobachten. Die Auswertung ergab, dass ein Grundeinkommen bestehende Verhaltenstendenzen des Einzelnen verstärkt, jedoch keine grundlegenden Änderungen hervorruft. Somit kann die westliche Angst vor massenhaften Kündigungen nach Einführung eines Grundeinkommens nicht bestätigt werden. Betrachtet man detaillierter die weiblichen Empfänger eines Grundeinkommens, zeigen sich insgesamt stärkere Effekte: In Entwicklungsländern arbeiten Frauen nach Erhalt eines Grundeinkommens mehr, in entwickelten Ländern dagegen eher weniger als männliche Kollegen. Diese Ergebnisse müssen jedoch in gesellschaftlich-kulturellen Zusammenhängen gesehen werden. So werden Themen, wie Emanzipation, die Entscheidungen zur Arbeitssituation maßgeblich beeinflussen, bisher nicht ausreichend berücksichtigt.

Betrachtet man die Lohnentwicklung im Zusammenhang mit einem Grundeinkommen kann in Entwicklungsländern ein Anstieg des generellen Lohnniveaus verzeichnet werden. Dies ist vor allem auf die Stärkung lokaler Binnenmärkte zurückzuführen. In den global vernetzten, entwickelten Märkten westlicher Länder ist ein vergleichbarer Effekt nicht belegbar. Laut Expertenmeinung wäre dies auch nur vorstellbar, wenn ein umfassendes, also flächendeckendes Grundeinkommen eingeführt würde. Ähnlich verhält es sich mit Unternehmertum: in Entwicklungsländern fördert ein Grundeinkommen selbstständige, unternehmerische Arbeit in hohem Maße. Die Grundeinkommenssätze in westlichen Ländern sind auf den Standard gesehen zu gering, um Unternehmertum grundlegend zu beeinflussen.

Fragen rund um Grundeinkommen müssen weiter differenziert beantwortet werden. Aber sie müssen beantwortet werden. Positive Auswirkungen als Folge eines Grundeinkommens sind – besonders auf die jüngsten in der Gesellschaft – definitiv zu erheben. Dies spräche dafür, dass ein Grundeinkommen soziale Gerechtigkeit fördert. Eine kausale Wirkung jedoch kann mit dem jetzigen Stand der Wissenschaft nicht immer eindeutig belegt werden. Dies liegt vor allem an der eingeschränkten und lückenhaften Datenerhebung der Feldstudien. Ein wichtiger Schritt wäre ein Projekt in einer Industrienation, dass Empfänger durch alle Bevölkerungsschichten hinweg berücksichtig. Ein entsprechendes Projekt in Finnland läuft und die Entscheidung in Zürich lassen also auf weitere Antworten hoffen.

Bei Fragen zur Masterarbeit können Sie den Verfasser kontaktieren.