nachhaltigkeitsnotizen
17.10.2016

Transparenz in der Lieferkette

Schuster

Vielstufige Lieferketten bei der Produktion von Konsumgütern erschweren die Rückverfolgbarkeit der verwendeten Rohstoffe. Um hier mehr Transparenz zu schaffen, plädiert Dr. Joachim Schuster, seit 2014 im Europäischen Parlament sowie Mitglied im Ausschuss für Internationalen Handel, für ein durchgängiges Zertifizierungssystem bei Unternehmen und Zulieferern.

Was bedeutet wertebasierter Handel für Unternehmen?

Wertebasierter Handel bedeutet, dass die Unternehmen die Beschaffenheit ihrer Lieferketten kennen. In Bezug auf Konfliktmineralien müssen beispielsweise die Ursprünge von Rohstoffen geklärt sein. Damit kann verhindert werden, dass der Handel zur Finanzierung bewaffneter Konflikte, menschenverachtender Regime oder Rebellengruppen beiträgt. Hinzu kommt, dass Unternehmen über die Arbeitsbedingungen bei ihren Zulieferern informiert sein müssen. Insbesondere in der Textilindustrie kann Kontrolldruck innerhalb von Lieferketten Verbesserungen in den Arbeitsbedingungen beispielsweise in Bangladesch oder Pakistan zur Folge haben. Der Gesetzgeber kann sich jedoch nicht aus der Verantwortung ziehen. Unternehmen müssen klare, einheitliche und rechtsverbindliche Vorschriften bekommen, die ihnen die Umsetzung eines wertebasierten Handels letztlich erleichtern.


Was verhindert die effektive Kontrolle der Lieferketten bis zum Ursprung der Rohstoffe?

Für den Endproduzenten ist es schwierig, insbesondere vielstufige Lieferketten zurückzuverfolgen. Bei Konfliktmineralien kommt hinzu, dass viele der in technischen Erzeugnissen gängigen Mineralien Recyclingprozesse durchlaufen. Eine genaue Zuordnung der Mine, aus der sie stammen, ist in der Folge nicht mehr möglich. Allerdings darf dies nicht als Ausrede dienen. Es ist durchaus möglich, über längere Zeiträume ein effektives Kontrollsystem aufzubauen.


Welche Rolle spielt dabei die Preisgestaltung?

Die Erfüllung von Berichtspflichten und die Rückverfolgung der Lieferkette erzeugen für Unternehmen natürlich einen finanziellen Aufwand, der auch das Endprodukt verteuert. Allerdings entstehen die Kosten vor allem zu Beginn der Untersuchung der Lieferkette. Sobald entsprechende Informationen vorliegen, sinken auch die Kosten wieder. Und es gibt viele Beispiele, dass der Verbraucher bereit ist, höhere Preise zu bezahlen, wenn er im Gegenzug sich darauf verlassen kann, dass die Produkte zu annehmbaren Bedingungen erzeugt wurden.


Wie kann die Politik Unternehmen dabei unterstützen, ihre Lieferketten transparenter zu machen?

Aus meiner Sicht ist ein durchgängiges Zertifizierungssystem von zentraler Bedeutung. Gerade hierbei kann die Politik unterstützend wirken, indem sie die Schaffung einer möglichst einfachen und aussagekräftigen Zertifizierung unterstützt. Es bietet sich an, dieses System europaweit zu installieren. Im Idealfall wird es ein international anerkannter Handelsstandard. Dies würde es den Unternehmen erheblich erleichtern, ihre Lieferketten zu überprüfen. Sobald Zertifikate zur Selbstverständlichkeit werden, trägt ein solches System zur Lieferkettentransparenz bei. Je mehr Unternehmen und Zulieferer mit Zertifikaten arbeiten, desto einfacher und übersichtlicher wird das System. Zudem würde es den Unternehmen, die für einen wertebasierten Handel eintreten, einen gewissen Schutz vor Dumpingpraktiken andere Unternehmen bieten, die sich ihrer Verantwortung entziehen.


Welche Maßnahmen erwarten Sie auf nationaler Ebene zum Schutz der Menschenrechte und zur Schaffung fairer Arbeitsbedingungen weltweit?

Erstens, dass wir in Deutschland mit gutem Beispiel vorangehen und für faire Arbeitsbedingungen im eigenen Land sorgen. Das ist nicht immer gegeben. Zweitens sollten wir Anforderungen an die Wirtschaft in Deutschland stellen, ihre Verantwortung in der Lieferkette wahrzunehmen. Und drittens sollten wir unsere internationalen diplomatischen und handelspolitischen Möglichkeiten nutzen, um auf faire Arbeitsbedingungen weltweit hinzuwirken. So hat im Nachgang der Rana Plaza Katastrophe in Bangladesch mit dem Sustainability Compact ein Prozess zur Verbesserung von Arbeitsbedingungen begonnen. Europäische Institutionen, Unternehmen und die Internationale Arbeitsorganisation (IAO) arbeiten in dieser Initiative mit der Regierung von Bangladesch zusammen. Ziel ist es, die Arbeitsgesetzgebung in Bangladesch zu reformieren, die Gebäudesicherheit in der dortigen Textilindustrie zu stärken und Hilfsmaßnahmen für die Überlebenden von Rana Plaza durchzuführen. Ohne mitgliedstaatliche Hilfsprogramme und Unterstützung internationaler Organisationen wie der IAO, wäre eine solche Initiative nicht möglich gewesen. Allerdings zeigen jüngere Berichte, dass die Wirkung dieser Initiative laufend überprüft werden sollte. Nichtsdestotrotz könnte diese Initiative beispielgebend für weitere Initiativen sein.


Wir danken Dr. Joachim Schuster sehr herzlich für das Interview!