nachhaltigkeitsnotizen
12.02.2018

Hightech mit Nebenwirkungen

corporate responsibility

Johannes Fleischmann

Spätestens seitdem Tesla die Speicherfrage gestellt hat und China die weltweite E-Mobilität vor sich hertreibt, ist das Thema Konfliktmineralien auch im Mainstream angekommen. Und während das Fairphone idealistische Pionierarbeit leistet, werden Unternehmen auch regulatorisch verstärkt in die Pflicht genommen, die Herkunft verarbeiteter Materialien offenzulegen.

Leider ist Nachhaltigkeit nie so richtig einfach: Ja zur Energiewende – naja zu Stromtrassen. Solls ein iPhone, Pixel, Samsung sein oder ein Fairphone, das technisch noch reifen muss, aber seine Ressourcen aus konfliktfreien Quellen bezieht?

Konfliktfrei meint hier freilich nicht unseren Seelenfrieden, weil wir ein durch und durch nachhaltiges Produkt gekauft haben. So einfach ist es eben nicht. Wirkungsketten sind unüberschaubar und unbeabsichtigte Nebenfolgen stete Begleiter. Soll der Preis fair sein, müssen neben ökologischer und sozialer Produktion auch die Rohstoffe nachhaltig bezogen werden. Das gilt für Forstwirtschaft und glückliche Kühe wie für leblose Konfliktmineralien. Solche sind Rohstoffe, deren Handel bewaffnete Konflikte finanzieren und oft mit Korruption, Kinderarbeit und Menschenhandel einhergehen.

Moral ohne Schmerzen

Die Bedeutung von Konfliktmineralien hat sich in den letzten Jahren aus verschiedenen Gründen gewandelt. Unternehmen achten inzwischen weltweit darauf, keine Konfliktmineralien zu beziehen. Außerdem kamen zu den ursprünglichen Konfliktmineralien wie Gold, Zinn, Tantal und Wolfram weitere Rohstoffe wie Kobalt oder Kupfer hinzu.

Da diese Konflikte finanzierenden Rohstoffe für zahlreiche Hightech-Komponenten gebraucht werden, sind alternative Energien, E-Mobilität, Digitalisierung & Co nicht nur technisch verzwickt.

Regulatorischen Schwung bekam die moralische Frage zunächst mit dem Dodd-Frank Act im Jahr 2010. US-börsennotierte Unternehmen wurden in die Pflicht genommen, über ihre Rohstoffbeschaffung aus der Demokratischen Republik Kongo oder angrenzenden Ländern zu berichten. Der Handel mit Konfliktmineralien wurde zwar nicht verboten, allerdings ergaben sich für die Unternehmen mit dem geforderten Transparenzlevel verstärkt Reputationsrisiken. Letztlich sollte öffentlicher Druck Unternehmen dazu bewegen, ihr Beschaffungswesen anzupassen und so bewaffnete Konflikte leichter finanziell auszutrocknen.

Diagnose und Therapie

Da regulatorisch noch einiges in der Pipeline ist, mag es bald mehr Orientierung geben, aber auch Klärungs- und Handlungsbedarf. Nach dem Dodd-Frank Act und dem UK Modern Slavery Act werden Unternehmen in Deutschland mit dem Nationalen Aktionsplan Wirtschaft und Menschenrechte (NAP) gefordert. Mit dem NAP ist die Erwartungshaltung verbunden, dass Unternehmen ihre menschenrechtliche Sorgfaltspflicht einhalten und Menschenrechte entlang ihrer Liefer- und Wertschöpfungsketten achten. Für die effektive Umsetzung des NAP, will die Bundesregierung ab 2018 jährlich eingeleitete Maßnahmen wissenschaftlich auswerten sowie Unternehmen stichprobenartig prüfen. Unternehmen, die bestimmte Verfahren und Maßnahmen nicht umsetzen, müssen ihre Gründe dafür erläutern ("Comply or Explain"). Die Bundesregierung strebt an, dass bis 2020 wenigstens die Hälfte aller Unternehmen mit mehr als 500 Beschäftigten menschenrechtliche Sorgfalt in ihre Unternehmensprozesse integriert hat.

Zudem schreibt ab 2021 eine EU-Verordnung zum Thema Konfliktmineralien eine besondere Sorgfaltspflicht vor. Der EU-Ansatz unterscheidet sich deutlich von den Bestimmungen des Dodd-Frank Acts, der vor allem auf Unternehmen am Ende der Lieferkette (Elektronik, Luft- und Raumfahrt, Autos, und Schmuck) zielte. Die EU-Verordnung verlangt Due Diligence und entsprechende Berichterstattung von der Mine bis zur Schmelze und nimmt darüber hinaus Direktimporteure verhütteter Produkte in die Pflicht. Für Unternehmen bieten die OECD-Leitsätze zur Erfüllung der Sorgfaltspflicht bei Konfliktmineralien eine gute Grundlage.

Symptome lindern – Ursachen bekämpfen

Eine Folge des Dodd Frank Act’s war, dass Unternehmen gar keine Rohstoffe mehr aus den Konfliktgebieten bezogen und viele Menschen ihre Lebensgrundlage verloren. Gleichzeitig steigt der Bedarf an Rohstoffen für Energiespeicher, E-Mobilität und Digitalisierung. Nachhaltigkeit mag verzwickt sein, doch liegt darin für Unternehmen und die Menschen in den Risikogebieten eine besondere Chance.

Viele Unternehmen haben inzwischen das Thema Konfliktmineralien in ihre Lieferantenkodizes aufgenommen, erheben Informationen zunehmend systematisch und arbeiten mit Zulieferern aktiv an Capacity Building. Dazu werden gemeinsame Probleme und Maßnahmen identifiziert, Mitarbeiter geschult und Strategien entwickelt. Da sich NGOs oft in Krisengebieten engagieren, wo Unternehmen nur schwer an Informationen kommen, können sie einen besonderen Beitrag leisten. Die Seiten von Amnesty International, Global Witness, Enough! Project und anderen bieten nicht nur aktuelle Informationen, sondern oft auch Materialien und Kontakte.

Große Ziele – kleine Schritte

Dass die Kampagne „No blood in my cellphone“ bereits Anfang der 2000er Jahre lief, zeigt einmal mehr, wie viel Ausdauer es braucht, um etwas zu bewegen. Doch die Erfolge werden zunehmend sichtbar. Fairphone bewies 2016, dass eine transparente Lieferkette für konfliktfreie Ressourcen möglich ist. Und Organisationen wie das Responsible Sourcing Network, die Corporate Human Rights Benchmark (CHRB) und Know the Chain ermitteln Stärken und Schwächen einzelner Unternehmen und liefern so häufig Best-Practice-Anregungen.